Essen ist politisch

Letzten Samstag in Deutschland: Um die 300.000 Menschen haben ihren Unmut über die geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada bzw. den USA auf die Straßen getragen. Viele kreative Protestaktionen haben klar gemacht, dass CETA und TTIP das Fundament unserer Gesellschaft bedrohen. Es geht um unsere Zukunft und die unserer Kinder, Enkel usw…. Wie sollen Wirtschaft und Politik organisiert sein, wie unser Zusammenleben geregelt? Wollen wir eine Diktatur der Konzerne, die ihre umwelt- und menschenverachtenden Pläne hinter verschlossenen Türen aushecken? Oder Demokratie, Mitbestimmung, Transparenz und soziale Gerechtigkeit?

Auch was wir essen und trinken spielt dabei eine große Rolle. „Essen ist eine politische Handlung.“ Diese wunderbare Aussage des niederländischen Aktionskochs Wam Kat bringt das bestens auf den Punkt. Schon heute ist in Europa der Großteil aller Lebensmittel industriell hergestellt. Pflanzen und Böden werden mit Pestiziden belastet, Tiere unter erbärmlichen Bedingungen gehalten, die so erzeugten Rohstoffe bei der Weiterverarbeitung mit chemisch hergestellten Zusatzstoffen versetzt und durch absurde Technologien jeglicher Ursprünglichkeit beraubt. Ganz zu schweigen davon, dass die Art der Landwirtschaft und Produktion das ökologische und soziale Gleichgewicht zerstört.

Doch es geht noch schlimmer. Zum Beispiel könnte der in Europa praktizierte vorsorgende Verbraucherschutz durch die Freihandelsabkommen abgeschafft werden. Das heißt: In der EU wird ein Produkt zunächst daraufhin getestet, ob es für Menschen schädlich sein könnte. Im Verdachtsfall wird es vorsichtshalber gar nicht zugelassen. In Übersee hingegen wird das Produkt auf Verdacht zugelassen und ggf. wieder vom Markt genommen, wenn ein Mensch dadurch zu Schaden kommt. Die geplante Angleichung der Standards läuft auf die Anwendung der nordamerikanischen Methode für alle hinaus.
Für die Lebensmittelbranche bedeutet das, dass zu den ohnehin schon viel zu vielen Herstellungsverfahren weitere, noch gefährlichere hinzukommen könnten. Noch mehr Pestizide, noch mehr Tiere auf engstem Raum, noch mehr umstrittene Zusatzstoffe, zusätzlich noch gentechnisch veränderte Nahrungsmittel und, und, und…
Die Liberalisierung der Märkte käme nur den großen Konzernen zugute, die billig produzieren, weil sie sich um ökologische und soziale Belange nicht scheren. Es wären keine Schutzmechanismen mehr erlaubt, durch die sich die ohnehin schon in ihrer Existenz bedrohten kleinbäuerlichen Erzeuger dagegen wehren könnten. Eine fatale Entwicklung, denn nur kleinteilige Landwirtschaft kann im Einklang mit der Natur wirtschaften, Arbeitsplätze schaffen und Kulturlandschaften erhalten.

Natürlich müssen wir unseren Politikern immer wieder auf die Füße treten, um sie daran zu erinnern, was wir von ihnen erwarten. Schließlich haben wir sie gewählt, damit sie unsere Interessen vertreten. Das gerät zwischen zwei Wahlen gerne mal in Vergessenheit.
Zusätzlich können wir mit dem Einkaufswagen Politik machen: Industrienahrungsmittel meiden, stattdessen regionale, biologisch angebaute, handwerklich hergestellte Produkte kaufen, solidarische Landwirtschaft unterstützen und/oder – je nach Möglichkeit – selbst was anbauen. Aus den nicht bzw. nur wenig verarbeiteten, zusatzstofffreien Lebensmitteln zu Hause selbst etwas kochen. Solches Essen schmeckt nebenbei auch besser als industriell hergestelltes.
Nicht nur durch den Kauf deren Produkte können kleinbäuerliche und handwerkliche Erzeuger unterstützt werden. Zum Teil finanzieren sich diese Betriebe durch Crowdfunding – wer also etwas Geld übrig hat, kann ihnen auch finanziell unter die Arme greifen und damit helfen, ihre Existenz zu sichern. Neben guter Rendite ist Geld so wirklich sinnvoll angelegt. Es gibt also viele Möglichkeiten für die tägliche politische Handlung.

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