Was die Werbung als Qualität verkauft

Morgens in der Radiowerbung: Bei Lidl gibt’s die Superfünf: 5 Flaschen Vittel für nur 2,79 €. Lidl lohnt sich eben. Real präsentiert das beste Fleisch zum besten Preis: pro Kilo 4,88 €. Und am Framstag bei Penny: Schweinegeschnetzeltes 500 g für 1,99  € und die 400 g-Schale Champignons für 1 €.

Das Wort „Framstag“ kennt das Schreibprogramm meines Computers nicht. Alternativ schlägt es „Frusttag“ vor. Wie treffend! Welchen Frust müssen die Tiere erlebt haben, deren Fleisch zu solch skandalös niedrigen Preisen zu haben ist? Unter welch frustrierenden Bedingungen müssen die Angestellten in den Supermärkten schuften? Nur zwei Beispiele aus der gesamten Produktionskette vom Feld bis zum Einzelhandel, die diese niedrigen Preise ermöglichen. Mich frustriert diese Werbung. Ich will nicht den niedrigsten Preis, ich will in erster Linie Qualität. Dazu gehört auch, dass Tiere artgerecht leben dürfen und alle Menschen, die an der Produktion meiner Nahrungsmittel beteiligt sind – von der Bäuerin bis zum Verkäufer –, gerecht entlohnt werden. Ich möchte wissen, unter welchen Bedingungen die beworbenen Produkte hergestellt werden. Was ich kaufe, soll preiswert, also seinen Preis wert sein. Nicht ein niedriger Preis ist der „beste Preis“, sondern ein angemessener. Wenn Menschen für ihre Arbeit vernünftig bezahlt werden, kann sich derart preiswerte Lebensmittel auch jede/r leisten.

Doch offensichtlich ist die Hauptsache-billig-Mentalität tief in unseren Köpfen verankert. Denn die Marketingexpert*innen der großen Unternehmen sind nicht blöd. Wenn sie uns Verbraucher*innen mit dieser Masche nicht kriegen würden, kämen in der Werbung längst andere Aussagen vor. Stehe ich mit meinem Qualitätsanspruch also allein da?

Doch Moment, da kommt noch was: „Wo gibt’s Qualität und Auswahl? Marktkauf macht es möglich. Wo gibt’s alles, was ich brauche? Wir gehen zu Marktkauf… Marktkauf macht es möglich. Service, Qualität und Auswahl. Marktkauf macht es möglich.“ trällert eine fröhliche Stimme aus dem Radio. Ob einem dieses drollige Liedchen gefällt, sei dahingestellt, jedenfalls die erste Lebensmittelwerbung, in der von Qualität die Rede ist. Ein Hoffnungsschimmer? Leider zu früh gefreut, denn das Ende vom Lied ist, dass eine Kiste Mineralwasser für nur 1,99 € angepriesen wird. Ich bin verwirrt. Will mir diese Werbeaussage weismachen, Qualität sei gleichbedeutend mit billigen Preisen? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Oder verstehe ich da was falsch?

„Hör was der alte Reinicke dir sagt, wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht“, singt Reinhard Mey in seinem Lied „Füchschen“. Im weiteren Verlauf heißt es über Isegrim, der als Sinnbild für die Mächtigen in unserer Gesellschaft steht: „Er will dich eingeschüchtert und verschreckt und brav, er will dich als willenloses, stummes Schaf, denn nur mit Ahnungslosen kann er’s so bunt treiben.“
Offensichtlich nagen noch zu wenige Zweifel an uns, gibt es noch zu viele Ahnungslose, die dem Geschwätz der Werbung auf den Leim gehen.

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