Permakultur – die Natur als Vorbild

Neulich gab es an der TU München einen interessanten Vortrag unter dem Titel: „Neue Wege gehen – Wo unsere (Agri)Kultur falsch lag und wie Permakultur helfen kann.“ Referent war Stefan Schwarzer vom Permakultur Institut e.V.
Ein spannendes Thema, das ich kurz vorstellen möchte.

Um den Hintergrund der Permakultur zu verstehen, muss man zunächst einen Blick in die Vergangenheit werfen. Ein in jeder Hinsicht interessanter Aspekt, denn die Lebensweise unserer Vorfahren kann für das Verständnis heutiger (Ess)Gewohnheiten und Eigenarten sehr aufschlussreich sein.
Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit begann vor über 1.000.000 Jahren (in Worten: 1 Million), Landwirtschaft wird seit ca. 10.000 Jahren betrieben – ein in Relation sehr kurzer Zeitraum. Heute können wir es uns kaum anders vorstellen, aber wie lebten und ernährten sich die Menschen in vor-landwirtschaftlichen Zeiten? Sie waren Jäger und Sammler, ihr Alltag geprägt von viel Freizeit, großer Nähe und Verbundenheit zur Natur und dem Wissen, wie sie diese für sich nutzen können, was eine robuste Gesundheit zur Folge hatte. Es gab kaum Hierarchien, Männer und Frauen waren gleichberechtigt. Sie zogen in kleinen Gruppen durch die Lande, jagten und sammelten, was sie gerade brauchten, ohne Überschüsse anzuhäufen.

Warum die Menschen – nach so langer Zeit eines solchen Lebens – mit dem Landbau begonnen haben, konnte bisher niemand genau herausfinden. Am wahrscheinlichsten ist, dass es mit dem Sesshaft-werden zu tun hat. Es entstanden Städte mit zunächst 1.000 bis 2.000 Einwohnern, die durch Jagen und Sammeln in der näheren Umgebung nicht mehr satt zu kriegen waren. Deshalb wurden Nahrungsmittel nun gezielt angebaut und verarbeitet, anfangs vor allem Getreide und einige Gemüsesorten.

Die Landwirtschaft veränderte die Ernährungsweise und leitete viele gesellschaftliche und kulturelle Umwälzungen ein. Die Bevölkerung wuchs, mehr Menschen brauchten mehr Nahrung, die Bevölkerung wuchs weiter, noch mehr Nahrung musste erzeugt werden… ein Teufelskreis. Erstmals wurden Überschüsse produziert und gelagert, wodurch sich neue Techniken entwickelten. Man brauchte einen „Chef“ zum Verteilen – die ersten Hierarchien entstanden. Per Gesetz wurde geregelt, wer was wann und wie viel bekam. Die Einhaltung der Gesetze musste überwacht, Verstöße bestraft werden – der Ursprung der Polizei. Das kann man beliebig fortsetzen und es wird deutlich, dass die Anfänge unserer heutigen Kultur eng mit dem Entstehen der Landwirtschaft verknüpft sind. Nicht umsonst stammt das Wort „Kultur“ vom lateinischen „culturare“ (bestellen, pflegen) ab.
Auch der Alltag der Menschen hat sich durch die Landwirtschaft verändert. Sie lebten kürzer, wurden kleiner, hatten weniger Freizeit und Freiheit sowie mehr körperliche Schäden durch die schwere Feldarbeit, waren durch einseitige Ernährung und das enge Zusammenleben häufiger krank. Es gab mehr Hungersnöte durch Missernten und weniger kulturelle Vielfalt. Landbau zerstört(e) Ökosysteme, und das Feedback des Ökosystems war und ist zu langsam, um es rechtzeitig zu erkennen und zu reagieren.

Alles in allem gehen sowohl positive als auch negative Entwicklungen der heutigen Zivilisation mit der Entstehung der Landwirtschaft einher. Heute versuchen ökologisch und nachhaltig wirtschaftende Bauernhöfe, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Das ist gut, doch die Permakultur geht einen Schritt weiter und bezieht die positiven Seiten der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft ein. Wo Landwirtschaft betrieben wird, werden Pflanzen großflächig angebaut, die dort von Natur aus nicht in dieser Form wachsen würden. Die Permakultur nimmt sich die Natur als Vorbild. Ausgangspunkt ist die Frage „Wie würde die Natur es machen?“ Sie würde kein Weizenfeld anlegen, sondern auf dieser Fläche viele verschiedene Pflanzen wachsen lassen. So entstehen zum Beispiel Waldgärten mit Mischkulturen und großer Artenvielfalt auf mehreren „Etagen“ (Bäume, Büsche, Boden), in denen alles essbar ist. Auch die Tiere werden integriert, wie in der Natur dürfen sie frei überall herum laufen. Sie finden ihr Futter selbst, verbreiten ihre Ausscheidungen als Dünger, geben Wärme ab. So bringen sie sich in den Kreislauf ein ohne speziell betreut zu werden.

Grundsätzlich versteht sich die Permakultur als Gestaltungskonzept, um regenerative Lösungen zu entwickeln. Der Ansatz ist holistisch, systemisch, integrativ und dauerhaft. Geht man ins Detail, lassen sich auch Dinge finden, die unter den heutigen Bedingungen nicht einfach zu realisieren sind. Zum Beispiel die Ernte, die in Mischkulturen sehr mühsam sein kann. Viel Handarbeit ist nötig, was einerseits Arbeitsplätze schafft, sich andererseits in Preisen niederschlägt, die das marktübliche Niveau schnell überschreiten. Das ganzheitliche Konzept in all seinen Facetten ist jedoch rundum nachhaltig. Achtsamkeit, Selbstbegrenzung, aus der Natur abgeleitete Denkwerkzeuge wie Kreislaufwirtschaft ohne Abfall – das alles sind geniale Methoden für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Nicht zuletzt sind die dabei entstehenden Lebensmittel wahre Mittel zum Leben: nahrhaft, köstlich und gesund. Ein Konzept, das weiterzuentwickeln sich unbedingt lohnt.

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