Gedanken zur Milch

„Weißes Gold“ wird sie zuweilen genannt, aber auch von „weißem Gift“ ist die Rede. Die Beinamen zeigen: Milch ist umstritten. Die einen preisen sie als wichtigen und unverzichtbaren Calciumlieferant, andere lehnen sie rundum ab. Was steckt dahinter?

Der Mensch ist das einzige Säugetier, das über das Säuglingsalter hinaus Milch trinkt. Und er ist das einzige Säugetier, das Milch anderer Lebewesen trinkt. Beides ist von der Natur nicht vorgesehen.
Milch ist des Babys erste Nahrung. Ihre Zusammensetzung ist perfekt auf dessen Bedürfnisse zugeschnitten. Auf die Bedürfnisse der eigenen Gattung wohlgemerkt. Die Nährstoffgehalte sind bei den verschiedenen Tieren sehr unterschiedlich. Kuhmilch enthält beispielsweise mehr als doppelt so viel Eiweiß wie menschliche Muttermilch, dafür viel weniger Kohlenhydrate. Für die reibungslose Verdauung sorgt Laktase, ein körpereigenes Enzym, welches den Milchzucker – Fachbegriff Laktose, Achtung Verwechslungsgefahr! – in seine Bestandteile aufspaltet. Unzerlegt kann Laktose nicht verstoffwechselt werden. Neigt sich die Zeit des reinen Milchtrinkens nach sechs bis zwölf Monaten dem Ende zu, stellt der Körper die Produktion der Laktase normalerweise ein. Er geht davon aus, dass das Enzym nicht mehr gebraucht wird. Doch da hat die Natur nicht mit dem Einfallsreichtum des Homo sapiens gerechnet…

Vor ca. zehntausend Jahren wurden die Menschen allmählich sesshaft. Es bildeten sich Städte, viele lebten an einem Ort und mussten ernährt werden. Für damalige Verhältnisse eine Herausforderung, denn beim bisherigen Nomadendasein zog man einfach weiter, wenn eine Gegend nicht mehr genügend Nahrung hergab. Vermutlich wurde aus diesem Grund begonnen, Nahrungsmittel gezielt anzubauen und Tiere zu halten – die Landwirtschaft war geboren. Im Zuge dessen begannen die Menschen, die Milch ihrer Tiere zu trinken. Ein Novum, bis dahin wurde nur das Fleisch gejagter Tiere verzehrt. Der menschliche Körper zeigte sich flexibel, er begann sich anzupassen und produzierte das Enzym Laktase über das Säuglingsalter hinaus.

Zehntausend Jahre mögen sehr lang erscheinen, evolutionsgeschichtlich sind sie jedoch nur ein Wimpernschlag. Solch eine gravierende Ernährungsumstellung ist in diesem Zeitraum nicht zu bewältigen. Daher sind noch heute viele Menschen intolerant gegenüber Laktose (Milchzucker). Das heißt, ihr Körper stellt irgendwann im Leben keine oder nicht mehr ausreichend Laktase (Enzym) her. Die Verbreitung von Laktoseintoleranz ist regional sehr unterschiedlich. In Europa gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. In Skandinavien geht die Unverträglichkeit gegen Null, während in Süditalien Schätzungen zufolge um die 70 Prozent betroffen sind. In China und Südostasien, wo das Milchtrinken traditionell nicht üblich ist, liegt die Quote um die 90 Prozent.

Neben der relativ weit verbreiteten Laktoseintoleranz kann es auch zu einer allergischen Reaktion gegen Milcheiweiß kommen. Jenseits dieser wissenschaftlich messbaren Vorgänge gibt es auch die Meinung, dass Milch eine reine Säuglingsnahrung ist und als solche im Speiseplan eines erwachsenen Menschen einfach nichts zu suchen hat. Denn wie alle Lebensmittel, besteht auch Milch nicht nur aus leicht nachweisbaren, grobstofflichen Substanzen wie Zucker und Eiweiß. Vermutlich tummeln sich darin sehr viele subtile, noch unerforschte Stoffe, deren Zusammenspiel bestimmt, was die Milch in unserem Körper anstellt – ob sie uns gut tut oder schadet. Ein sehr komplexes Geschehen, das sich der Messbarkeit durch wissenschaftliche Methoden zumindest teilweise entzieht. Hier sollte man nicht allein auf Forschungsergebnisse vertrauen, sondern vor allem der eigenen Intuition.

Für Menschen, die gelegentlich und scheinbar grundlos unter Beschwerden im Bauchbereich oder unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche leiden, kann sich ein vorübergehender Verzicht auf Milch und Produkte daraus lohnen. Ist der weiße Saft tatsächlich der Übeltäter, wird schon nach ein bis zwei Wochen eine starke Verbesserung zu spüren sein.
Wer sich um seine Calciumversorgung sorgt: Milch enthält tatsächlich sehr viel davon, allerdings auch einige Stoffe, welche die Calciumaufnahme hemmen. Im Pflanzenreich gibt es bessere Alternativen. Im Grunde ist das Mineral in fast allem Pflanzlichen enthalten, besonders viel in grünem Gemüse, Kräutern, Nüssen (vor allem Haselnüssen), Mandeln, Saaten (vor allem Sesam, Leinsamen und Sonnenblumenkernen) und Hülsenfrüchten (vor allem Soja und Kichererbsen).

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