Vom Handwerksbetrieb zum multinationalen Konzern

Der neulich erschienene Konzernatlas 2017 liefert zahlreiche Daten und Fakten über die Agrar- und Ernährungsindustrie vom Saatgut bis zum Teller. Ein Fakt zieht sich wie ein roter Faden durch die vielfältige Produktionskette: Immer weniger, stetig wachsende internationale Konzerne beherrschen die globalen Märkte. Große Lebensmittelproduzenten nutzen ihre so entstandene Vormachtstellung, um Druck in alle Richtungen auszuüben – gegenüber den vorgelagerten Rohstofflieferanten und dem nachgelagerten Einzelhandel. Im Einzelhandel wiederum dominieren wenige große Ketten das Marktgeschehen und lassen kleinen, inhabergeführten Läden kaum eine Überlebenschance. Ziel all dieser Geschäftspraktiken ist Gewinnmaximierung um jeden Preis. Die Folgen sind Umweltzerstörung, Klimawandel, Hunger, Krankheiten, soziale Schieflagen – von Nachhaltigkeit keine Spur.

Die Verflechtungen sind dermaßen unübersichtlich, dass sie für Otto Normalverbraucher kaum nachvollziehbar sind. Ein einfaches Beispiel: Der Hersteller der in der Bio-Szene schnell zum Kultgetränk avancierten Bionade, einst angetreten, um eine Alternative zu den extrem zuckrigen und zusatzstofflastigen Limos anzubieten, wurde vor einigen Jahren von der Radeberger Gruppe übernommen. Diese wiederum gehört zur Dr. August Oetker KG. Viele ökologisch orientierte Einzelhändler haben die Bionade daraufhin aus dem Sortiment genommen, weil sie die Oetker-Gruppe nicht unterstützen wollten. Man musste ja nun damit rechnen, dass die Gewinne aus dem Bionade-Verkauf in die weitere Verbreitung von Fertiggerichten der übelsten Sorte fließen.
Biomarkt-Kund*innen sind dadurch auf diesen Deal aufmerksam geworden. In der Regel bekommen wir Konsument*innen derartige Übernahmen oder Fusionen aber gar nicht mit, denn erfolgreiche Marken werden vom neuen Eigentümer unverändert beibehalten. Mit anderen Worten: Im Supermarktregal steht nach wie vor das gewohnte Produkt.

Dieses Beispiel illustriert nicht nur das grundsätzliche Problem. Es zeigt außerdem, dass diese fatale Entwicklung auch die Bio-Branche erfasst, die bei vielen Menschen ein recht großes Vertrauen genießt. Zahlreiche nachhaltig orientierte Unternehmer*innen zeigen zwar, dass man auch mit der nötigen Portion Idealismus gewinnbringend wirtschaften kann. Andere jedoch haben den Anspruch, dass ihre Produkte den konventionellen Pendants immer ähnlicher werden müssen und kopieren dafür umstrittene Methoden großer Konzerne. Ähnlich sieht es im Handel aus. Kleinere Bioläden sind zu großen Handelsketten mutiert, die sich nicht zu schade sind, die Masche der konventionellen Discounter zu übernehmen: Dem Ehrgeiz, immer der Billigste zu sein, wird alles andere untergeordnet. Das führt zu sinkender Qualität, schlechteren Arbeitsbedingungen und letztlich zu so starken Druck auf die Bauern, dass die Anforderungen an den ökologischen Landbau verwässern.

Egal ob konventionell oder bio – es lohnt sich, die Lebensmittel, die wir kaufen, nicht nur nach ihrem Wert an sich zu beurteilen. Viel ist von Qualität die Rede, aber was ist das eigentlich? Schmecken soll es natürlich und die Rohstoffe hochwertig sein. Für mich gehört dazu auch, die Herstellungsprozesse und Vertriebsstrukturen kritisch zu hinterfragen. Das ist nicht ganz einfach, schließlich präsentieren sich Unternehmen in der Öffentlichkeit nur von der besten Seite und reden auch ihre Schwachstellen schön. Wer einmal anfängt zu stöbern, kann jedoch erstaunliche Entdeckungen machen. Der Konzernatlas stellt dafür eine gute Basis dar.

Kleine Presseschau zum Jahreswechsel

Zum Jahresausklang ein paar amüsante Meldungen rund ums Essen und Trinken, die in den letzten Tagen in den Medien zu finden waren.

Wir essen zu viel Fett, Zucker und Salz. Weil das ungesund ist, haben sich Forscher auf die Suche nach Ersatzstoffen begeben. Millionen Dollar wollen große Nahrungsmittelkonzerne ausgeben, um Limos, Müslis, Snacks und all die anderen Fertigprodukte von diesen lästigen Stoffen zu befreien. Sie einfach wegzulassen geht nicht, denn Fett, Zucker und Salz sind Geschmacksträger, Konservierungsstoffe und geben Konsistenz. Da muss man sich schon was einfallen lassen, damit wir anspruchsvollen Konsument*innen das schlucken. (Quelle: taz)

Seit Mitte November fast täglich irgendwo zu lesen: Die Zeit der typisch weihnachtlichen Gewürze wie Zimt, Muskat und Nelken bricht wieder an. Esst all die Lebkuchen, Kekse und Kuchen, trinkt all den Punsch und Glühwein, die jetzt mit diesen tollen Gewürzen veredelt sind, denn ihre gesundheitliche Wirkung ist unschlagbar!

Bundesagrarminister Christian Schmidt plant bahnbrechende Neuerungen: Vegetarische/vegane Produkte sollen keine Namen mehr tragen dürfen, bei denen wir aufgeklärten Konsument*innen spontan an Fleisch denken. Also keine „vegetarische Wurst“, kein „veganes Schnitzel“, kein „Veggie-Hackfleisch“ mehr. Diese Begriffe seien irreführend. Die Verbraucher*innen müssten vor diesem Irrsinn geschützt werden. Am Ende kauft eine/r so ein vegetarisches Produkt und sucht zu Hause verzweifelt nach dem Fleisch. Nicht auszudenken! (Quelle: http://www.lokalkompass.de)

Liebe Genießerinnen und Genießer, esst gute Butter, gute Pflanzenöle und das Fett der Weihnachtsgans! In Maßen, nicht in Massen. Das ist nicht nur gesund, sondern (über)lebensnotwendig. Gönnt euch gelegentlich eine leckere Süßigkeit, am besten selbst gemacht. Und verkneift euch bloß nicht die Prise Salz in der Suppe. Verzichten könnt ihr gerne auf pappsüße Softdrinks, gezuckerte Pizzen, versalzene Chips und die minderwertigen Fette, die sich in fast allen Fertigprodukte verstecken.
Und ja, Zimt, Muskat, Nelken, Kardamom, Ingwer und all die anderen genialen Gewürze sind eine Wohltat für Leib und Seele. Geht verschwenderisch mit ihnen um! Aber hört nicht damit auf, wenn die Lebkuchen aufgefuttert sind und der Punsch geleert ist. Diese Gewürze kann man das ganze Jahr über verwenden.

Lieber Herr Schmidt, wir aufgeklärten Verbraucher*innen wissen, dass vegetarisch fleischfrei bedeutet und können eine vegetarische von einer „richtigen“ Wurst durchaus unterscheiden. Schützen Sie uns lieber vor den Machenschaften der Fett-, Zucker- und Salz-Ersetzer!

Wurst ohne Fleisch: Voll im Trend?

Kürzlich in der Zeitung: Ein Wurstfabrikant zweifelt am ernährungsphysiologischen Wert von Wurst und erweitert sein Sortiment um vegetarische Ersatzprodukte. Bauern schießen verbal zurück und rufen zum Boykott auf. Höchst amüsant und ein bisschen auf Kindergartenniveau. Dahinter stehen natürlich simple wirtschaftliche Interessen. Studien zeigen hohe Wachstumsraten bei vegetarischen und veganen Nahrungsmitteln, während der Fleischkonsum eher rückläufig ist. Die einen springen auf den Zug auf, die anderen kämpfen um die schwindende Kundschaft.
„Ich kenne die Zusammensetzung seiner Rügenwalder-Wurst nicht, dass er davon abraten muss“, wird der Sprecher des Deutschen Bauernverbandes zitiert (Quelle: taz vom 17.11.2016). Dieser Satz hat mein Interesse geweckt: Wie steht’s eigentlich um die Zusammensetzung der fleischfreien „Wurst“?

Also auf in den Supermarkt und eine Packung „Vegetarische Mühlen Salami“ gekauft. Optisch kann sie mit dem Original absolut mithalten. Nun der Blick auf die Zutatenliste:
Trinkwasser, Rapsöl, Weizengluten (10%), Eiklar getrocknet, Verdickungsmittel: Carrageen, Xanthan, Johannisbrotkernmehl; Säureregulatoren: Kaliumlactat, Natriumacetate; Weizenmehl (2%), Kochsalz, Aroma, modifizierte Stärke, Gewürze, Traubenzucker, Farbstoffe: Eisenoxid, Carotin.
Interessant. Soll das ernährungsphysiologisch sinnvoll sein? Und wie müssen diese ohnehin schon unsäglichen Zutaten zugerichtet werden, um sie wie Wurst aussehen und schmecken zu lassen?

Liebe (Gelegenheits-)Vegetarier*innen, bitte lasst die Finger von diesem Unfug! Ihr könnt euch auch mit naturbelassenen Lebensmitteln abwechslungsreich und gesund ernähren. Quält euch nicht mit Prinzipien. Wenn ihr hin und wieder den Fleischgeschmack vermisst, wäre ein gutes Stück echtes Fleisch vielleicht die bessere Alternative. Ich bin übrigens selbst seit 25 Jahren Vegetarierin, weiß also wovon ich rede.

Nun gehören zu einem Produkttest auch Geschmack und sensorische Eigenschaften. Obwohl mich das selbst interessieren würde, kann ich mich nicht dazu durchringen, die Packung zu öffnen. Die Abscheu ist zu groß. Sollte es mir irgendwann noch gelingen, berichte ich später davon.

Stadt und Land im Fluss: Die Genussgemeinschaft

Heute möchte ich ein weiteres Beispiel für gelebte Nachhaltigkeit beim Essen vorstellen: Die Genussgemeinschaft Städter und Bauern in München, die nachhaltig wirtschaftende, kleinbäuerliche Produzenten aus dem Umland mit den Konsumenten in der Großstadt zusammenbringt.

Wie sieht das konkret aus? Zunächst einmal wird den Menschen das Konzept der regionalen, biologischen Versorgung mit Lebensmitteln (wieder) nahe gebracht. Denn davon haben gerade wir Städter uns in den letzten Jahrzehnten recht weit entfernt. Doch vor allem bietet die Genussgemeinschaft die Möglichkeit, dieses Konzept praktisch zu leben. „Man müsste mal…“ Wie oft sagt oder hört man diesen Satz, gedankenlos dahingeredet, um dann doch in alten Verhaltensmustern steckenzubleiben? Nicht so bei der Genussgemeinschaft. Hier können sich zum Beispiel mehrere Leute zu Einkaufsgemeinschaften zusammenschließen. So fährt nur ein Mitglied in größeren Abständen aufs Land und bringt den Einkauf für die ganze Gruppe mit. Das spart Zeit und ist wesentlich nachhaltiger, als wenn sich jede/r Einzelne allein auf den Weg macht.

Beim Stöbern auf der liebevoll gestalteten Homepage gibt es viel zu entdecken. Jede/r, der etwas Interessantes anzubieten hat oder in irgendeiner Form mitmachen will, kann sich dort registrieren.

Da sind zum einen die Produzenten: Von Landwirten über Verarbeitungsbetriebe bis hin zu Gastronomie. Die Beschreibung der Betriebe vermittelt viel Wissen über traditionelle Landwirtschaft und handwerkliche Verarbeitung. Von Permakultur, Achtsamkeit und krummen Karotten ist da zum Beispiel die Rede. Dabei wird deutlich, dass Pflanzen und Tiere Zeit zum Wachsen und Gedeihen brauchen, dass umfangreiches Wissen, gute Planung, viel Pflege und vor allem Handarbeit dazugehören. Gleiches trifft auf die Weiterverarbeitung zu. Getreide und Milch mögen keine Hektik. Nur wenn wir ihnen Zeit zum Reifen lassen, belohnen sie uns mit köstlichem Brot und feinem Käse. Alles in allem ein großer Aufwand. Doch nur so entstehen unverfälschte Lebensmittel, die richtig gut schmecken und höchste ökologische und soziale Ansprüche erfüllen. Und es wird auch klar, dass derartige Lebensmittel nicht zu Discounterpreisen zu haben sind. Demzufolge trägt die Genussgemeinschaft auch zur Existenzsicherung dieser Erzeuger bei, die dem Preisdruck des Handels kaum gewachsen wären.

Zum anderen gibt es die Konsumenten: Menschen, die diese Art des Wirtschaftens unterstützen, in gegenseitigen Austausch mit Gleichgesinnten treten oder sich einfach informieren möchten. Oder alles zusammen. Sie können sich zum Beispiel an einer der oben genannten Einkaufsgemeinschaften beteiligen, einen Ausflug zu einem der Höfe unternehmen – das bitte mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln – sowie ihre Erfahrungen mit anderen Mitgliedern teilen, wodurch sich wieder neue Anregungen ergeben können. Einige Produzenten bieten den Städtern auch die Möglichkeit der finanziellen Beteiligung. Für die Betriebe bedeutet das Unabhängigkeit vom Druck kommerzieller Geldinstitute, für die Investoren eine sinnvolle Anlage.

Insgesamt bekommt man bei der Genussgemeinschaft jede Menge Tipps rund ums Essen, Trinken und Genießen. Ein Blick auf die Homepage lohnt sich also jederzeit. Wer in München wohnt, kann direkt einsteigen, alle anderen können sich Inspirationen für vergleichbare Aktivitäten im eigenen Umfeld holen.

 

P.S.: Gleichberechtigung ist mir sehr wichtig, dazu gehört auch das sog. „Gendering“. In diesem Text fand ich Schriftbild und Lesefluss dadurch dermaßen holprig, dass ich ausnahmsweise nur die männliche Form benutzt habe.

Hilfe, uns wird das Fleisch weggenommen!

Heute Morgen beim Zeitunglesen. Die Bundesumweltministerin hat den Klimaschutzplan 2050 vorgelegt, der Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen festschreibt. Deutschland muss diese drastisch senken, um 80 bis 95 Prozent bis 2050 im Vergleich zu 1990. Das sind keine Peanuts.

Bekanntlich ist die Landwirtschaft für einen beträchtlichen Teil der Emissionen verantwortlich. Bei der Fleischproduktion entstehen wesentlich mehr Treibhausgase als bei der Herstellung pflanzlicher Nahrung. Und dass bei uns aus gesundheitlicher Sicht zu viel Tierisches gegessen wird, ist auch nicht neu. Eine effektive Reduzierung der Emissionen ist also nur möglich, wenn weniger Tiere gehalten werden und – logische Folge – weniger Fleisch gegessen wird.
Klingt alles schlüssig. Dennoch wurde der Klimaschutzplan von den anderen Ministern stark kritisiert und zusammengestrichen. So auch vom Bundesagrarminister. Die Forderung, 50 Prozent weniger Fleisch zu produzieren – gestrichen. Auch die Empfehlung, auf Fleisch den regulären Mehrwertsteuersatz von 19 statt bisher 7 Prozent anzuwenden, wurde vom Agrarminister und seinen Parteikollegen zurückgewiesen. Man könne doch den Leuten nicht vorschreiben, was sie essen dürfen und schon gar keine „Strafsteuer“! Außerdem nehme die Landwirtschaft eine Sonderrolle ein, weil die Ernährungssicherung eine Kernaufgabe ist, die offenbar nicht durch so ein Gedöns wie Umweltschutz eingeschränkt werden darf.

Ich glaub, ich bin im falschen Film. Strafsteuer? Verbot, Fleisch zu essen? Auch mir sind diese Maßnahmen zu diktatorisch. Aber wozu brauchen wir die denn? Wir Menschen, die Krone der Schöpfung, haben das Recht auf Fleisch bis zum Abwinken. Alles andere interessiert keinen. Wo in dieser Diskussion geht es eigentlich um die Tiere? Viel und billiges Fleisch ist nur mit Massentierhaltung, also mit unendlichem Leid der Tiere zu haben. Klimaerwärmung inklusive. Und die Leute, die die ach so wichtigen Arbeitsplätze in diesem Sektor innehaben, ob die gern dort arbeiten? Ich wage das zu bezweifeln. Es ist doch eigentlich ganz einfach: Tiere werden artgerecht gehalten, dann wird automatisch weniger produziert und das Fleisch ist teurer. Klar werden sich dann nicht mehr alle so viel davon leisten können wie bisher. Aber ist das nötig? Grenzte es wirklich an eine Katastrophe, wenn nicht täglich Fleisch und Wurst auf dem Tisch stehen und das Schnitzel nicht über den Tellerrand hängen würde? In vielen Kulturen ist es völlig normal, wenig Fleisch zu essen, und auch bei uns war das bis vor wenigen Jahrzehnten noch so. Leben wir nicht in einem Wohlstand, der eindeutig subversive Züge hat? Hier geht es nicht um Verzicht im negativen Sinne, sondern darum, ein Zuviel wieder auf ein normales Maß herunterzufahren. Packen wir es an! Jede/r, der/die Fleisch und andere tierische Produkte von glücklichen Tieren kauft und wegen der recht hohen Preise vielleicht unwillkürlich etwas weniger davon nimmt, leistet schon jetzt einen Beitrag zur Treibhausgasreduktion. Ganz ohne Klimaschutzplan 2050.

Alles Bio? Von Plastikmüll und sonstige Absurditäten

Biologisch, regional, saisonal, fair, vegetarisch, vegan – vor 30 Jahren waren das noch recht exotische Begriffe, mit denen nur wenige Leute etwas anfangen konnten. Seitdem hat sich vieles geändert. Heute sind biologisch angebaute, regionale und fair gehandelte Lebensmittel in zahlreichen Geschäften erhältlich und es hat sich herumgesprochen, dass das etwas mit Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit zu tun hat. Zum Glück greifen auch viele Kund*innen zu diesen Produkten. Gutes Gewissen inklusive. Schließlich verhält man sich ja ökologisch absolut korrekt. Doch schauen wir uns die Kundschaft im Bio-Supermarkt mal etwas genauer an.

Eine Kundin fährt im schicken Mittelklassewagen vor. Dabei bläst sie jede Menge klimaschädliche Gase in die Luft. Die gute Klimabilanz der Bio-Lebensmittel, die sie gleich kaufen wird, macht sie dadurch locker zunichte.
In ihrem Kleid prangt das Label einer Handelskette, die für die schlechten Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Asien bekannt ist. Im Stoff versteckt sich vermutlich das eine oder andere Gift, das auf dem Baumwollfeld versprüht wurde.
Sie legt Gemüse in den Einkaufswagen, das mit riesigem Energieaufwand vom anderen Ende der Welt zu uns gekarrt wurde.
Zum Bezahlen reicht sie dem Kassierer die Kreditkarte einer Bank, die mit dem ihr anvertrauten Geld fragwürdige Mobilität (siehe oben), das Gift auf den Äckern der konventionellen Bauern und diverse andere schmutzige Technologien vorfinanziert.

Die Sache ist also etwas komplexer als es auf den ersten Blick aussieht. Doch wir sind noch nicht fertig: Zu Hause wird ausgepackt. Fast alles ist in Plastik, teilweise mehrfach verpackt. Meine „Favoriten“: Platz 2 Tee. Jeder Teebeutel einzeln in Plastikfolie, alle Beutel in einem Karton, der nochmals von einer Plastikfolie umhüllt ist. Platz 1 Kekse. Sie liegen in einer voluminösen Plastikschale, die wiederum in eine Plastikfolie gehüllt ist, um diese herum noch ein Karton.
Ich weigere mich, derart extrem Verpacktes zu kaufen. Jedenfalls so gut es geht, denn manchmal besteht die einzige Alternative im Verzicht. Wobei ich tatsächlich lieber mal auf etwas verzichte anstatt einen Berg Müll mit zu erwerben. Schade finde ich nur, dass ausgerechnet Hersteller, deren Produkte ich sehr gern kaufen würde, weil sie eine tolle Unternehmensphilosophie verfolgen, es mit dem Verpacken auf die Spitze treiben. Sie werben mit ihren hohen ökologischen und sozialen Ansprüchen, schaffen es aber offensichtlich nicht, diese konsequent umzusetzen. Und ein Großteil der Konsument*innen nimmt das völlig unkritisch hin. Wie unsere Bioladen-Kundin von oben. Dabei könnten wir einiges tun. Zum Beispiel an Bedientheken, beim Bäcker und auf dem Wochenmarkt die Waren in eigene Gefäße füllen lassen, Pfandflaschen aus Glas bevorzugen oder – soweit möglich – in verpackungsfreien Läden einkaufen.

Diejenigen, die die aufwändig eingepackten Waren vertreiben, versuchen uns natürlich einzureden, Plastik wäre überhaupt kein Problem. Wenn wir nur brav unseren Müll trennen – und darin sind wir Deutschen ja Weltmeister – wird alles recycelt und es entstehen schöne neue Dinge. Diese Argumentation blendet aus, dass die Plastikverpackungen unter enormem Ressourcen- und Energieverbrauch erstmal hergestellt und Produkte damit eingewickelt werden müssen. Was auch auf das sogenannte „Bio-Plastik“ aus nachwachsenden Rohstoffen, die biologisch abbaubar sind, zutrifft. Und wer an das Märchen vom Recyceln noch glaubt, dem empfehle ich dieses kurze Video.

Was die Werbung als Qualität verkauft

Morgens in der Radiowerbung: Bei Lidl gibt’s die Superfünf: 5 Flaschen Vittel für nur 2,79 €. Lidl lohnt sich eben. Real präsentiert das beste Fleisch zum besten Preis: pro Kilo 4,88 €. Und am Framstag bei Penny: Schweinegeschnetzeltes 500 g für 1,99  € und die 400 g-Schale Champignons für 1 €.

Das Wort „Framstag“ kennt das Schreibprogramm meines Computers nicht. Alternativ schlägt es „Frusttag“ vor. Wie treffend! Welchen Frust müssen die Tiere erlebt haben, deren Fleisch zu solch skandalös niedrigen Preisen zu haben ist? Unter welch frustrierenden Bedingungen müssen die Angestellten in den Supermärkten schuften? Nur zwei Beispiele aus der gesamten Produktionskette vom Feld bis zum Einzelhandel, die diese niedrigen Preise ermöglichen. Mich frustriert diese Werbung. Ich will nicht den niedrigsten Preis, ich will in erster Linie Qualität. Dazu gehört auch, dass Tiere artgerecht leben dürfen und alle Menschen, die an der Produktion meiner Nahrungsmittel beteiligt sind – von der Bäuerin bis zum Verkäufer –, gerecht entlohnt werden. Ich möchte wissen, unter welchen Bedingungen die beworbenen Produkte hergestellt werden. Was ich kaufe, soll preiswert, also seinen Preis wert sein. Nicht ein niedriger Preis ist der „beste Preis“, sondern ein angemessener. Wenn Menschen für ihre Arbeit vernünftig bezahlt werden, kann sich derart preiswerte Lebensmittel auch jede/r leisten.

Doch offensichtlich ist die Hauptsache-billig-Mentalität tief in unseren Köpfen verankert. Denn die Marketingexpert*innen der großen Unternehmen sind nicht blöd. Wenn sie uns Verbraucher*innen mit dieser Masche nicht kriegen würden, kämen in der Werbung längst andere Aussagen vor. Stehe ich mit meinem Qualitätsanspruch also allein da?

Doch Moment, da kommt noch was: „Wo gibt’s Qualität und Auswahl? Marktkauf macht es möglich. Wo gibt’s alles, was ich brauche? Wir gehen zu Marktkauf… Marktkauf macht es möglich. Service, Qualität und Auswahl. Marktkauf macht es möglich.“ trällert eine fröhliche Stimme aus dem Radio. Ob einem dieses drollige Liedchen gefällt, sei dahingestellt, jedenfalls die erste Lebensmittelwerbung, in der von Qualität die Rede ist. Ein Hoffnungsschimmer? Leider zu früh gefreut, denn das Ende vom Lied ist, dass eine Kiste Mineralwasser für nur 1,99 € angepriesen wird. Ich bin verwirrt. Will mir diese Werbeaussage weismachen, Qualität sei gleichbedeutend mit billigen Preisen? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Oder verstehe ich da was falsch?

„Hör was der alte Reinicke dir sagt, wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht“, singt Reinhard Mey in seinem Lied „Füchschen“. Im weiteren Verlauf heißt es über Isegrim, der als Sinnbild für die Mächtigen in unserer Gesellschaft steht: „Er will dich eingeschüchtert und verschreckt und brav, er will dich als willenloses, stummes Schaf, denn nur mit Ahnungslosen kann er’s so bunt treiben.“
Offensichtlich nagen noch zu wenige Zweifel an uns, gibt es noch zu viele Ahnungslose, die dem Geschwätz der Werbung auf den Leim gehen.

Solidarische Landwirtschaft mit Erweiterung: Olivenöl

Apropos Politik mit dem Einkaufswagen (siehe Beitrag Essen ist politisch). Hier ein praktisches Beispiel dazu.

Solidarische Landwirtschaft hat ihre Anfänge in den USA. Community Supported Agriculture, kurz CSA heißt es dort. Das Prinzip: Eine Gruppe von Menschen schließt sich zusammen, gründet z. B. einen Verein oder eine Genossenschaft. Diese Gruppe wiederum tut sich mit regionalen Bauern, Gärtnern und evtl. Verarbeitern (z. B. einer Bäckerei) zusammen, denen sie im Voraus die Abnahme ihrer Erzeugnisse garantiert und die Produktion vorfinanziert.
Die Unternehmen bekommen dadurch Planungssicherheit, werden finanziell unterstützt, brauchen sich keine Sorgen zu machen, ihre Produkte nicht los zu werden und sich nicht dem Druck des Handels auszusetzen. Alles wichtige Säulen der kleinbäuerlichen und handwerklichen Existenzsicherung.
Die Abnehmer*innen bekommen frische Lebensmittel aus der Region, können „ihren“ Bauern besuchen, sich anschauen, wie ihre Nahrungsmittel entstehen, teilweise sogar mithelfen. Es soll ja immer noch Kinder geben (vielleicht auch Erwachsene?), die glauben, Mehl kommt aus der Tüte und Milch aus den Alpen. Die Konsument*innen übernehmen auch Verantwortung, indem sie das Risiko von Ernteausfällen mittragen.

Regionalität hat viele Vorteile, gerade hinsichtlich so fundamentaler Aspekte wie sozialer Sicherheit und Umweltschutz – und ist deshalb ein wesentlicher Pfeiler der Solidarischen Landwirtschaft. Doch was ist mit den vielen Pflanzen bzw. Produkten daraus, die aus unseren Küchen nicht mehr wegzudenken sind, aber in keiner deutschen Region gedeihen würden? Oliven zum Beispiel. Oder Südfrüchte, Kaffee, Tee, Kakao und und und… Wohl kaum jemand möchte darauf verzichten. Und Welthandel ist ja nicht per se schlecht, wenn er vernünftigen Regeln folgt.

Bleiben wir bei Oliven. Auf der Insel Lesbos setzt das griechisch-deutsche Gemeinschaftsprojekt Platanenblatt das Prinzip der „Erweiterten Solidarischen Landwirtschaft“ um. Ein Hamburger Ehepaar und ein griechischer Olivenbauer haben sich zusammengetan, um nach den Grundlagen der Solidarischen Landwirtschaft Olivenöl für den deutschen Markt zu produzieren. Die Kund*innen bestellen und bezahlen ihren Jahresbedarf im Herbst und bekommen das Öl im darauffolgenden Frühjahr.
Ähnliche Ansätze gibt es auch anderswo. Positiver Nebeneffekt speziell dieses Projekts: Denken wir zurück an die Versuche der griechischen Syriza-Regierung, die Wirtschaftskrise in ihrem Land nachhaltig und sozialverträglich zu überwinden. Die ambitionierten Pläne wurden durch die neoliberalen Gängeleien der EU im Keim erstickt. Kurze Zeit später strömten Flüchtlinge aus Asien und Afrika nach Europa, von denen viele allein aufgrund der geografischen Lage zunächst in Griechenland strandeten. Eine Riesenherausforderung, mit der die EU das ohnehin schon gebeutelte Land abermals im Stich ließ. Dieses Land braucht unsere Unterstützung ganz besonders.

Geliefert wird das Olivenöl in diesen 3-Liter-Kanistern, auf denen die ökologisch und sozial anspruchsvolle Philosophie von Platanenblatt kurz und prägnant nachzulesen ist.

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Essen ist politisch

Letzten Samstag in Deutschland: Um die 300.000 Menschen haben ihren Unmut über die geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada bzw. den USA auf die Straßen getragen. Viele kreative Protestaktionen haben klar gemacht, dass CETA und TTIP das Fundament unserer Gesellschaft bedrohen. Es geht um unsere Zukunft und die unserer Kinder, Enkel usw…. Wie sollen Wirtschaft und Politik organisiert sein, wie unser Zusammenleben geregelt? Wollen wir eine Diktatur der Konzerne, die ihre umwelt- und menschenverachtenden Pläne hinter verschlossenen Türen aushecken? Oder Demokratie, Mitbestimmung, Transparenz und soziale Gerechtigkeit?

Auch was wir essen und trinken spielt dabei eine große Rolle. „Essen ist eine politische Handlung.“ Diese wunderbare Aussage des niederländischen Aktionskochs Wam Kat bringt das bestens auf den Punkt. Schon heute ist in Europa der Großteil aller Lebensmittel industriell hergestellt. Pflanzen und Böden werden mit Pestiziden belastet, Tiere unter erbärmlichen Bedingungen gehalten, die so erzeugten Rohstoffe bei der Weiterverarbeitung mit chemisch hergestellten Zusatzstoffen versetzt und durch absurde Technologien jeglicher Ursprünglichkeit beraubt. Ganz zu schweigen davon, dass die Art der Landwirtschaft und Produktion das ökologische und soziale Gleichgewicht zerstört.

Doch es geht noch schlimmer. Zum Beispiel könnte der in Europa praktizierte vorsorgende Verbraucherschutz durch die Freihandelsabkommen abgeschafft werden. Das heißt: In der EU wird ein Produkt zunächst daraufhin getestet, ob es für Menschen schädlich sein könnte. Im Verdachtsfall wird es vorsichtshalber gar nicht zugelassen. In Übersee hingegen wird das Produkt auf Verdacht zugelassen und ggf. wieder vom Markt genommen, wenn ein Mensch dadurch zu Schaden kommt. Die geplante Angleichung der Standards läuft auf die Anwendung der nordamerikanischen Methode für alle hinaus.
Für die Lebensmittelbranche bedeutet das, dass zu den ohnehin schon viel zu vielen Herstellungsverfahren weitere, noch gefährlichere hinzukommen könnten. Noch mehr Pestizide, noch mehr Tiere auf engstem Raum, noch mehr umstrittene Zusatzstoffe, zusätzlich noch gentechnisch veränderte Nahrungsmittel und, und, und…
Die Liberalisierung der Märkte käme nur den großen Konzernen zugute, die billig produzieren, weil sie sich um ökologische und soziale Belange nicht scheren. Es wären keine Schutzmechanismen mehr erlaubt, durch die sich die ohnehin schon in ihrer Existenz bedrohten kleinbäuerlichen Erzeuger dagegen wehren könnten. Eine fatale Entwicklung, denn nur kleinteilige Landwirtschaft kann im Einklang mit der Natur wirtschaften, Arbeitsplätze schaffen und Kulturlandschaften erhalten.

Natürlich müssen wir unseren Politikern immer wieder auf die Füße treten, um sie daran zu erinnern, was wir von ihnen erwarten. Schließlich haben wir sie gewählt, damit sie unsere Interessen vertreten. Das gerät zwischen zwei Wahlen gerne mal in Vergessenheit.
Zusätzlich können wir mit dem Einkaufswagen Politik machen: Industrienahrungsmittel meiden, stattdessen regionale, biologisch angebaute, handwerklich hergestellte Produkte kaufen, solidarische Landwirtschaft unterstützen und/oder – je nach Möglichkeit – selbst was anbauen. Aus den nicht bzw. nur wenig verarbeiteten, zusatzstofffreien Lebensmitteln zu Hause selbst etwas kochen. Solches Essen schmeckt nebenbei auch besser als industriell hergestelltes.
Nicht nur durch den Kauf deren Produkte können kleinbäuerliche und handwerkliche Erzeuger unterstützt werden. Zum Teil finanzieren sich diese Betriebe durch Crowdfunding – wer also etwas Geld übrig hat, kann ihnen auch finanziell unter die Arme greifen und damit helfen, ihre Existenz zu sichern. Neben guter Rendite ist Geld so wirklich sinnvoll angelegt. Es gibt also viele Möglichkeiten für die tägliche politische Handlung.

Gemüse – Die beste Wahl ist regional

Gemüse- und Obst-mäßig befinden wir uns gerade in einer richtigen „Saure-Gurken-Zeit“ im wahrsten Sinne des Wortes. Versorgt man sich weitgehend mit regionaler Ware, ist der Winter in unseren Breiten nicht sonderlich üppig. Um auch in die Kohl- und Rübenzeit ein bisschen Abwechslung zu bringen, sind saure Gurken gar nicht schlecht. Wie das in früheren Zeiten üblich war: Im Sommer und Herbst wurden Gemüse und Obst für den Winter konserviert.

RotkrautNatürlich ist das heute nicht mehr nötig. Angesichts des Angebots in unseren Geschäften frage ich mich manchmal, welche Jahreszeit gerade ist. Alles ist rund ums Jahr verfügbar. Aber man muss ja nicht alles kaufen, was in den Läden so rumliegt.

Gemüse und Obst aus der Region, am besten aus ökologischem Anbau, hat viele Vorteile: Frisch und reif geerntet, schmeckt es aromatisch, ist preiswert und auch nach einigen Tagen im Kühlschrank noch gut. Kurze Transportwege und biologischer Landbau schonen die Umwelt. Regionalität schafft außerdem Transparenz und Arbeitsplätze vor Ort. Jede Menge gute Gründe also. Aber zugegeben – einfach ist das nicht immer. Die Verlockung, im Winter zum Sommergemüse vom anderen Ende der Welt zu greifen, kann groß sein. Wenn ich ihr hin und wieder erliege, bereue ich es regelmäßig: geschmacklos, teuer, verdirbt schnell.

Ist der gute Wille zum regionalen Einkauf erstmal da, muss man noch wissen, was bei uns zurzeit so alles wächst. Hilfe bieten dabei Saisonkalender, z.B. von der Verbraucherzentrale.

Für dieses Jahr wird der Winter nicht mehr lange dauern. Einige Wochen werden wir uns noch an saure Gurken und Co. halten müssen, dann gibt’s das erste frisch geerntete Grünzeug. Und an dieser Stelle bis dahin noch ein paar Anregungen für winterliche Genüsse.